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Gedanken zu den

ZU DEN ISRAEL-KRITISCHEN PLAKAT-AKTIONEN IM HAUPTBAHNHOF ZÜRICH

Plakat HB Zch 2014Zuerst zum Traurigen

Sie sind tot, die drei Jugendlichen Israeli. Wer sie getötet hat, ist unklar. Klar ist für mich nur: Diese Tö- tungen sind ein Verbrechen. Ebenso klar: Ich bin gegen Gewalt, gleichviel ob sie von israelischer oder von palästinensischer Seite kommt. Was aber sagen in solch tragischer Situation? Ich werde mit Bildern und mit Fakten arbeiten. Zur Tragik in Nahost ist mir ein Bild von Nelly Sachs eingefallen:

          Nichtstun...
          merkbar Verwelken....
          Meine Hände gehören einem fortgeraubten Flügelschlag
          Ich nähe mit ihnen an einem Loch
          aber sie seufzen an diesem offenen Abgrund

Das Entsetzen über das, was in Nahost tag täglich passiert, lähmt. Mit 62 Jahren hab ich mir gesagt: Du bist jetzt alt und hast Zeit. Und als Alte kannst Dich ganz nah an diesen offenen Abgrund wagen. Denn es gibt da ein Loch zu nähen, das mit dem endlosen Faden der Interpunktion nicht gestopft werden kann. Was meine ich damit? „Interpunktion“ ist ein Begriff aus der Paartherapie. Er bezeichnet den endlosen Kampf um die Frage: Wer hat angefangen mit dem Streit?

 

Der Interpunktionskrieg am Beispiel der rezenten Fakten

Am 15. Mai 2014 haben israelische Soldaten einen 17- und einen 16-jährigen Palästinenser erschossen. Vier Tage später veröffentlichte Defense Children International die Bilder einer Videokamera, die ein Händler angebracht hatte, um sein Geschäft zu sichern. Die Bilder zeigen, wie die zwei Jugendlichen in relativ ruhiger Umgebung dahinschlendern, als die Israeli das Feuer auf sie eröffnen. Human Rights Watch bezeichnete den Vorfall als Kriegsverbrechen. Die israelische Armee verlangt, dass der Händler seine Kameras abbaut; außerdem wurde er angeklagt.

Am 12. Juni wurden drei Talmud-Schüler als vermisst gemeldet. Heute wissen wir: Die 3 Jugendlichen wurden getötet und sind inzwischen in der Umgebung von Hebron aufgefunden worden. All das ist im besetzten Westjordanland passiert, wo israelische Zivilisten völkerrechtlich nichts zu suchen haben. Und jetzt heisst es: Israel schlägt zurück. Die andern haben angefangen. Israels Wirtschaftsminister und Gründer der rechtradikalen Siedlerpartei sagt: Keine Gnade für Kindermörder! Inzwischen wurden 6 Pa- lästinenser getötet, Hunderte verhaftet, zahlreiche Häuser zerstört. Gaza, das grösste Ghetto der Welt, wird wieder bombardiert. Israel verhängt erneut völkerrechtswidrige Kollektivstrafen.

So kann das endlos weitergehen. Nach UN-Angaben wurden von der israelischen Armee seit anfangs Jahr und bereits v o r der Entführung 11 palästinensische Zivilisten getötet und über 1000 Personen ver- letzt. „Gemeinsam in den Abgrund“ heisst das Szenario in der Konflikttheorie.

Vom schlechten Umgang mit einem Paradox

Inzwischen verurteilen die grossen Politiker der Welt die schreckliche Tat im Hebron. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte „geschockt”. „Es handelt sich um eine verabscheuenswürdige Tat, für die es keinerlei Entschuldigung geben kann.“ Obama bezeichnete die Tat als „sinnlosen Terrorakt gegen un- schuldige Jugendliche”. Meine Damen und Herren, ich teile das Entsetzen dieser Politiker voll und ganz! Ich gestatte mir, hier ein zweites Bild einzuschieben: Vor Jahren habe ich den Bericht über einen 8- Jährigen gelesen, der in einem Psychiatrie-Heim untergebracht war. Dieser Robi kam aus einem sozial benachteiligten Milieu. Die Diagnose lautete: eine psychische Unreife mittleren Grades. Anlass dazu war ein Test: Robi zeichnete die Menschen als Kopf-Füssler. Besonders gravierend: N i e hatte einer ein Ge- sicht. Ein Sozialpädagoge, neu mit der Betreuung beauftragt, hat schliesslich den Knaben gefragt, wes- halb seine Menschen keine Gesichter hätten. Robi antwortete: Sie schauen alle weg!

Zurück zur grossmächtigen Politik: Israel ist völkerrechtlich verpflichtet die Ressourcen im besetzten Ge- biet im Sinne der Palästinenser zu nutzen und zu fördern. Doch die Politiker in Europa und den USA schauen lieber weg, wenn Israel das Völkerrecht verletzt. Sie sehen weg, wenn Israel laufend Land raubt, den Palästinensern die Häuser zerstört, das Wasser abgräbt. Sie sehen weg, wenn die ansässige Bevölke- rung drangsaliert, terrorisiert, vertrieben, getötet wird. Sie sehen weg, wenn palästinensische Kinder getö- tet oder eingesperrt werden.

Selbstverständlich passieren in Nahost Vergehen auf beiden Seiten. Aber halten wir sie endlich auseinan- der: die individuellen Schicksale und die kollektiv organisierten Machtstrukturen. Es handelt sich dabei nämlich um ein Paradox: um einen unauflöslichen Widerspruch. Ich verneige mich tief vor der Liebe, den Hoffnungen, aber auch der Verzweiflung von Individuen. Betroffen macht mich das Leid der palästi- nensischen und der israelischen Eltern. Hingegen bin ich kritisch gegenüber den kollektiv organisierten Machtstrukturen: Sie werden von den Mächtigen oft und gern missbraucht.

Welche Auswege aus dem Dilemma?

Friede kann es in Nahost nur geben, wenn wir unsere Fehler eingestehen und uns für sie entschuldigen. Gestehen wir es ein, dass die Staatsgründung Israels an zwei verheerenden Konstruktionsfehlern leidet.
• Konstruktionfehler Nr. 1: Es war eine Staatsgründung im kolonialistischen Sinn und Geist. Einer indi- genen Bevölkerung wurde das Land geraubt. Die Teilung Palästinas wurde zu einer Zeit verfügt, als der Kolonialismus noch tragendes Element der westlichen Politik war. Für die Teilung votierten die damali- gen europäischen Kolonialstaaten. Mit ihnen: Australien, Kanada, Neuseeland, Südafrika, die USA und die Staaten Lateinamerikas. Alles europäische Siedlerkolonien, die sich fremdes Land angeeignet hatten. Dagegen stimmten alle islamischen Staaten, sowie Kuba, Griechenland, Libanon, Indien. 10 Länder ent- hielten sich der Stimme. Ganz ohne Stimme waren die kolonisierten Völker.

Es ist deshalb peinlich, wenn die jüdische Seite betont, die dem UNO-Beschluss unterworfenen Palästi- nenser hätten keinen Staat gehabt Es ist das Argument aller Kolonisten, die sich in Südafrika, Kamerun, Kenia etc. das Land anderer angeeignet hatten. Die westlichen Kolonialherren mussten jedoch zurück- buchstabieren: Viele haben sich für die Landnahme entschuldigt, das Land wurde entweder zurückgeben oder es musste Wiedergutmachung geleistet werden. Aus den damals 56 Staaten sind inzwischen immer- hin 193 geworden.

Konstruktionsfehler Nr. 2: Im Fall Israel wurden Fakten zu Gunsten von Phantasmen verleugnet. Der jü- dische Staat ist das verständliche, aber anachronistische Konstrukt der Westmächte. Verständlich, weil Europa damit die jahrhundertelange Diskriminierung der Juden und die Ungeheuerlichkeit des europa-

weit organisierten Holocaust wieder gutmachen wollte. Eine Wiedergutmachung, die auf Kosten der Pa- lästinenser ging, die dort seit Jahrhunderten gelebt und gewirkt hatte. Anachronistisch, weil die wirt- schaftlichen und sozialen Fakten der Gegenwart zu Gunsten einer weitentrückten Vergangenheit verleug- net wurden. Stattdessen wurde das Narrativ jener Juden übernommen, die sich diesen Landstrich als ex- klusive Heimat für ihr phantasmagorisch überhöhtes und auserwähltes hebräisches Volk erträumen.

Das heutige Israel basiert auf dieser völkisch-religiösen Zugehörigkeit: Alle Juden der Welt gelten als seine potenziellen Bürger. Gleichzeitig sind jene Palästinenser, die sich nicht vertreiben liessen, besten- falls Bürger zweiter Klasse. Alle andern aber, die in den besetzten Gebieten überleben, werden als Recht- lose behandelt und ausgegrenzt. Das ist rassistisch. Aber auch dem Westen gelten das Völkerrecht und die Menschenrechte nur dort und nur solange, als es ihm grad passt. Das muss aufhören.

Wir mahnen mit unseren Plakat-Aktionen die Aufklärung an

Denn die moderne Staatsbürgerschaft ist eine säkulare und soll das auch bleiben. Zum einen gilt: Die Menschenrechte verbieten, in Zugehörigkeitsfragen nach Geschlecht, Hautfarbe, Religion zu diskriminie- ren. Moderne Staatszugehörigkeit kann im Prinzip von allen erworben werden, die Willens und imstande sind, die moderne Rechtsordnung zu respektieren. Moderne Zugehörigkeitsdefinitionen gelten in allen Staaten, die der Lage sind, Bildungs-, Solidar- und Schutzaufgaben über Erwerbsarbeit und monetäre Ab- gaben zu organisieren und zu finanzieren. Und Israel gehört zweifellos zu diesem Club. Zum andern gilt: Religiöse und völkische Zugehörigkeitsdefinitionen sind brandgefährlich. Auch wenn sie an den welt- wirtschaftlichen Rändern noch oft priorisiert werden. Ob von Hindu-Fanatikern, islamistischen Funda- mentalisten oder jüdische Siedlern vertreten: Völkischer und religiöser Nationalismus führt dazu, dass Minderheiten gehasst, diskriminiert, vertrieben, vernichtet werden.
Wir haben es mit einem Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung zu tun. Kant hat, als erster Philosoph der Weltwirtschaft, jenen kategorischen Imperativ formuliert, der für alle gilt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ An dieser Maxime haben sich auch die BürgerInnen Israels zu messen, wenn sie denn zur modernen Staatengemeinschaft gehören wollen. Auch der jüdische Autor Alfred Grosser zieht in seinem Buch „Von Auschwitz nach Je- rusalem“ das Fazit: „Wenn wir zu Hause versuchen, die Grundwerte zu verteidigen, so sollten wir es auch überall dort tun, wo man sich auf die gemeinsamen Werte beruft.“

Wir entscheiden zusammen über die Zukunft!

Jüdische Organisationen sagen, unsere Plakate seien antisemitisch. Das Gegenteil ist wahr: Ich verehre die jüdische Kultur, wo immer sie das verdient. Wer Fakten benennt, diffamiert nicht, sondern verweist auf ein Problem. So fordert der israelische Historiker Reuven Moskovitz dazu auf, um der Zukunft des Staates Israel willen die Besatzungspolitik immer wieder zu kritisieren und sich nicht durch den drohen- den Vorwurf des Antisemitismus einschüchtern zu lassen.

Kurz - wer die Zustände in den besetzten Gebieten ignoriert oder verleugnet, leistet Israel einen schlech- ten Dienst. Und es kann zum gefährlichen Bumerang für uns alle werden, die Kritik am Staat Israel mit Antisemitismus abzuwehren. Denn das 20. Jahrhundert hat uns just mit dem Holocaust eine Katastrophe gebracht hat, die es zur Bürgerpflicht macht, den Staaten, den eigenen und den fremden, kritisch auf die Finger zu sehen.

In unserer Palästina-Petition im Jahr 2006 sind wir klar für den Staat Israel eingestanden. Ebenso klar: Er- littenes Unrecht kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber man kann sich dafür entschuldigen und ei- nen Ausgleich finden. Und Konstruktionsfehler können, ja sie müssen bereinigt werden. Eine Einstaaten- lösung, die den Juden und Palästinensern gleiche Rechte zugesteht, ist nur ein Vorschlag unter vielen. Doch ohne eine Entschuldigung, ohne die nötigen Korrekturen, ohne die Suche nach einem Ausgleich:

k e i n Friede in Nahost!
Der palästinensische Pfarrer der Weihnachtskirche in Bethlehem sagt: Die internationale Gemeinschaft ist "Teil des Nahostproblems". Er verweist gleichzeitig darauf, dass sie auch "Teil der Lösung" werden kann. Denn Israel steht nicht allein in der Verantwortung: Die USA, Europa, die Schweiz haben daran mitzutra- gen Und mit ihnen, deren jüdische und nicht-jüdische Bürger. Auch Sie und ich.

Zürich, 3. Juli 2014 Verena Tobler Linder


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