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Liebe Frau Gisela Blau,

Als eine der Frauen in unserer Gruppe habe ich die Ehre, Ihre Mail persönlich zu beantworten.

Ihre erste Frage kann ich Ihnen klar beantworten: Das Sujet tel-quel hat uns ein jüdischer Freund und Unterstützer aus Deutschland geliefert, zum Plakat ausgestaltet wurde es dann von einem Schweizer Grafiker. Weil uns die perfiden Methoden bekannt sind, mit denen wir IsraelkritikerInnen von zionistischer Seite diffamiert werden, behalten wir die Namen aber selbstverständlich für uns.

Auf die braune Suppe der Völkerrechtsverbrechen Israels, auf die wir mit unserem Plakat aufmerksam machen, gehen Sie mit keinem Wort ein, weil Sie glauben, in der SuppeBrühe ein Haar entdeckt zu haben. Doch unser Plakat ist in keiner Weise sexistisch, sondern im Gegenteil: als feministischer Aufruf gedacht! Deshalb erübrigt es sich auch, auf Ihre weiteren Deutungen bzw. Unterstellungen (2-5) einzugehen.

 

Erstens: Bei der Europa handelt es sich um eine weibliche Figur, die der griechischen Mythologie ent-stammt. Wir verwenden sie im Plakat allegorisch: als indirekte Aussage. Eine Frau steht als Zeichen für eine andere Sache: für Europa. Diese bildhafte Personifikation eines Staates oder Staatenbundes ist üblich: für das Deutsche Reich steht die Germania, für die Schweiz die Helvetia, für Frankreich die Marianne oder in unserem Plakat steht die weibliche Figur der Europa für Europa. Inwieweit das sexistisch sein soll, ist uns schleierhaft.

Zweitens: Das Plakat spielt auf den griechischen Mythos an, laut dem der Zeus, immerhin der höchste Gott im Götterhimmel, die besagte Europa, - je nachdem, welchem der männlichen Berichterstatter Sie glauben wollen - entweder entführt oder geraubt, verführt oder vergewaltigt und auf jeden Fall geschwängert hat.

Drittens: Die renommierte Historikerin Annette Kuhn hat den von Ovid überlieferten und effektiv patriarchal geprägten Mythos längst feministisch umgedeutet: Zeus konnte sich Europa n u r nähern, weil er sich verkleidet hatte. „Liebe, so lautet die einfache Botschaft, kann nicht erzwungen werden. Da helfen alle männlichen Verwandlungs- und Verstellungskünste nicht weiter“, meint Carola Meier-Seethaler in ihrem Werk „Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie“ (1988) dazu. Konkret auf unser Plakat umgesetzt: Europa geht dem Netanyahu nur deshalb auf den Leim, weil er ihren Blick auf die Blösse der israelischen Völkerrechtsverletzungen mit dem Joker – oder wenn’s Ihnen lieber ist: mit dem Feigenblatt „Holocaust“ bedeckt. Persönlich halte ich das für blasphemisch: Der Holocaust ist ein schreckliches Ereig-nis und in keiner Weise geeignet, um das Unrecht zu legitimieren, das den Palästinensern laufend zugefügt wird. Im Gegenteil: Ich wünschte mir, Israel könnte aufgrund seiner Vergangenheit an vorderster Front für die Menschen- und Völkerrechte einstehen.
 
Viertens: Unser Plakat ruft Europa auf, sich zu emanzipieren und die Völkerrechtsverbrechen Israels zu sanktionieren! Denn nur, wenn es Israel die Praktiken des Landraubs, der Vertreibung und der Apartheid endlich einstellt, kann der jüdische Staat eines Tages zu einem respektierten Mitglied einer Völkerfamilie werden, in der für alle Staaten dieselben Rechte und Pflichten gelten.
 
In diesem Sinne wünschen wir uns von Ihnen und anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in der Schweiz künftig mehr Fairness und Unterstützung in einer Sache, die für die weitere Zukunft des Staates Israels entscheidend ist. Denn dass Israel eine gelingende Zukunft haben soll und kann, ist uns allen wichtig.
 
Mit freundlichen Grüssen an Sie von unserer ganzen Gruppe
 
Verena Tobler Linder

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und hier die Fragen Gisela Blau:

Sehr geehrte Damen und Herren

Bitte beantworten Sie mir für eine Recherche einige Fragen:

1. Wer hat dieses Plakat gestaltet? (Bitte keine Ausflüchte wege Persönlichkeits- odr Datenschutz etc., denn diese würde allenfalls auch dem abgebildeten Premierminister Netanyahu ziustehen.)

2. Haen Sie bewusst eine krass sexistische Darstellung gewählt, die Frauen und Mädchen diskriminiert?

3. Worauf stützen Sie die Darstellung einer unterwürfigen Rolle von Frauen und Mädchen?

4. Sind die weiblichen Mitglieder Ihrer Organisation mit diesem Plakat einverstanden gewesen oder gab es Kontroversen?

5. Wer hat die Entscheiduing für diese sexistische Darstellung des Plakats gefällt?

6. Wie lange hängt das Plakat im Zürcher HB und wird es auch an anderen Standorten platziert?
 
Besten Dank für rascheste Beantwortung.

Freundliche Grüsse
 
Gisela Blau, Journalistin BR


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